12.04.19

von / Freitag, 12 April 2019 / Veröffentlicht inBlog

Premiere am Sächsilüüte. Ganz spontan reihe ich mich nämlich erstmals mit einer Kollegin an einem neuen Strassenrand-Standort ein und übergebe gar einem prominenten Ehrengast ein Blümchen mit Küsschen. Dadurch hat sich für mich auf einen Schlag nach über 20 Jahren eine ganz andere Sichtweise auf das alljährliche traditionelle zürcherische Frühlingsfest eröffnet.

Aber der Reihe nach; als Bernerin seit eben zwei Jahrzehnten in Zürich habe ich das amüsante „Verchleiderlis“ doch schon einige Male am Strassenrand verfolgt. Hauptsächlich unter dem Aspekt „Feste soll man feiern wie sie fallen“. Stets äusserst unterhaltsam, aber auch etwas langfädig habe ich diesen bunten Umzug bis anhin empfunden.
Dann, als ich vor ein paar Jahren mit meinem damals neugierigen 4-jährigen Junior dastehe, dreht sich mein Bild der heiteren Veranstaltung erstmals merklich, aufgrund erhaltenem Insider-Wissen. Eine ältere Dame auf dem Bänkli sitzend erbarmt sich dem kleinen Wonneproppen wegens und bietet uns ihre zwei leergebliebenen (und vermutlich von ihr bezahlten) Sitzplätze mit bester Sicht aufs Geschehen an. So erfahre ich, dass diese Sitzbank-Plätzli von jedermann gekauft werden können. Und dass jede Zunft ein Gewerbe darstellt. Und dass in eine Zunft man sich nicht einfach so einkaufen kann, sondern entweder quasi hineingeboren werden oder ein geheimnisumworbenes langes Anwärter-Prozedere durchlaufen muss. Und notabene am Ende entschieden wird in verschwiegener und undurchsichtiger Wahl über Aufnahme – oder doch nicht. Und dass immer wieder prominente Ehrengäste wie Bundesräte, Sportler, Schauspieler, Musiker etc. von den Zünften eingeladen werden, welche dann eben auch mitlaufen dürfen. Kostümiert, oder auch nicht. Jenes besondere „Schauspiel“ mit den Damen und den zahlreichen Blumen-Übergaben allerdings habe ich damals und bis heute nicht so richtig verstanden. Ich dachte, dass dies nur jene Ladies tun, dessen Männer und Familie einer Zunft angehören.

Heute, nach dem Sechseläuten 2019 weiss ich es besser – und dazu grad noch viel mehr ! Und zwar nicht, weil ich google (auch eine Möglichkeit), sondern deshalb, weil ich beim diesjährigen Umzugsfest rechts und links von Kolleginnen flankiert bin, welche zürcherische Wurzeln haben und sich daher mit diesem alljährlichen kostümierten Brauchtum natürlich auskennen. Ich weiss nun, dass all die mitlaufenden Musik-Vereine aus Zürich und Agglomeration meist keine Zünfter sind, sondern seit Jahren in einer Art Kooperation mit den Zünften stehen. Die Harmonie und Drum Corps Adliswil zum Beispiel begleiten jeweils die Zunft zur Schmiden. Und dass die Reihenfolge der Zünfter jeweils ausgelost wird, die erste, die mittlere sowie die letzte Zunft sich alljährlich abwechseln müssen, weil zum Böögg-Anzünden um Punkt 18 Uhr die hinterste Zunft nie rechtzeitig auf dem Sechseläutenplatz eintrudelt. Ich frag’ mich grad, wieso man denn den Start nicht um eine halbe Stunde vorverschieben könnte ?!

Zur eingangs erwähnten Premiere – nachdem ich nun den Durchblick habe, dass jederfrau an Bekannte und sogar Prominente Blumen oder sonstige Kleinigkeiten übergeben darf, ergreife ich eben die spontane Gelegenheit, dem äusserst attraktiven Spitzen-Koch aus dem Bündnerland und einer der Ehrengäste am Umzug eine kurzerhand organisierte Blume zu übergeben und drei (Luft)Küsschen mit den Worten „Schöns Sächsilüüte“ zu verteilen. Da kommt mir grad der Gedanke, dass ich mich nächstes Jahr nun intensiv vorbereiten und auch ein paar Mitbringsel mit dabei haben werde – denn, wer weiss, welcher weitere attraktive Promi mitlaufen wird und sich einfach so „frei Schnauze“ abküssen lässt respektive lassen muss…
Ich will mir grad gar nicht überlegen, wer mir diesbezüglich in den letzten 20 Jahren mangels Wissen rund um den Böögg bereits durch die Lappen gegangen ist…wie dem auch sei; so viel Nähe zu unseren heimischen Stars ist vermutlich nur bei uns in der Schweiz möglich, und insbesondere am Sächsilüüte !

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